Reflexion „Behinderung“

Das Wort Behinderung, ist oft negativ behaftet und wird auch oft als Schimpfwort verwendet: “Du bist behindert.”

Sprache kann für Menschen verheerende Wirkungen haben. Beim Sprechen von, über und mit Menschen muss ich sensibel bedacht sein und reflektieren. Sprache schafft Gruppen, durch Begriffe, die wir verwenden. Begriffe können verletztend sein, weil sie eine Gruppe von Individuen zusammenfassen und nicht mehr jedem Einzelnen gerecht werden. Sie wirken je nach Zusammenhang anders. Begriffe sind auch Zuschreibungen und Wertungen. Sie definieren den Bezug zwischen Menschen und machen eine Haltung beziehungsweise reflektiertes Umgehen mit der Wirklichkeit deutlich. Es gibt unterschiedliche Begriffe, die jeweils eine andere Zuschreibung besitzen. Begriffe wie Behinderte oder Mensch mit Handicap lassen alles, was die Person kennzeichnet, unter den Tisch fallen. Dass zunächst der Mensch als solcher bedeutsam ist, vermitteln die Worte Mensch mit Behinderung. Bewohner reduziert den Menschen auf eine Funktion. Es gibt noch zahlreiche andere Beispiele. Behinderung entsteht da, wo wir keine Antworten auf Unterstützungsbedarf entwickeln also durch behindernde Lebenssituationen oder einfach nur Barrieren. Die Diskussion über die korrekte Bezeichnung ist nicht abgeschlossen und ein fortlaufender Prozess. Alle Begriffe haben in der Anwendung eine spezifische Perpektive. Wichtig ist, die jeweiligen Kontexte, soziale Beziehungen und Situationen zu berücksichtigen.

Grundsätzlich gilt, am Besten sprechen wir über jeden Einzelnen.

aus dem Buch: Heilerziehungspflege als Beruf, S.41

An meiner Arbeitsstelle verwenden wir die Begriffe KundInnen, für die Menschen, denen wir Assistenz anbieten. Diesen Begriff finde ich einerseits passend, da ich eine Dienstleistung anbiete, die der oder die KundIn einkauft über die WAG. Andererseits kann der Begriff aber unpassend erscheinen, da der/die KundIn nicht immer frei wählen kann, welche/r AssistentIn zum Beispiel zum Bereitschaftsdienst erscheint, sollte mal ein/e AssistentIn ausfallen. Meine KundInnen duze ich im Normalfall, außer ich mache einen Vertretungsdienst, dann sieze ich die Person, weil ich sie zum ersten Mal sehe. Auch die MitarbeiterInnen von der WAG sieze ich, selbst die, die mir schonmal das du angeboten haben. Ich sehe die MitarbeiterInnen und Chefs von der WAG nicht regelmäßig, weshalb das duzen für mich nicht in Frage kommt. Ich würde auch gerne Chef zu meinen KundInnen sagen, da sie quasi meine direkten Vorgesetzten sind. Wenn sie mit meiner Arbeit nicht zufrieden sind, dann kann ich den Job auch nicht länger machen. Wenn ich von Behinderung spreche, denke ich hauptsächlich an Menschen, die im Rollstuhl sitzen. Menschen, die Lernschwierigkeiten haben oder Menschen mit auffälligen Verhaltensweisen. Wenn zum Beispiel jemand einen Tick hat. Das erste Mal bin ich als Kind mit einem Menschen mit Behiderung in Berührung gekommen, und zwar mit meinem Onkel Dieter. Er saß im Rollstuhl und konnte die tägliche Körperhygiene nicht selbständig durchführen sowie die Toilette. Auch Essen kochen war für ihn nicht möglich. Er hatte kognitive Beeinträchtigungen und war ein Pflegefall. Dann gab es noch einen Jungen in meiner Schule, am Gymnasium, der ADHS hatte, wie man uns sagte. Er blieb allerdings nicht lange in unserer Klasse, da er ständig angestachelt wurde von den anderen Mitschülern und aggressiv auf deren Verhalten reagierte. Auch meine Großmutter war zuletzt ein Pflegefall, als Alzheimer-Patientin. Ich erlebte die Angehörigen-Pflege hautnah mit und das war unter anderem der Anstoß dafür, dass ich mich um andere Menschen kümmern wollte und mich beruflich mit Menschen mit Behinderung zu befassen. Die persönliche Assistenz war anfangs allerdings nur ein Nebenjob zu meinem Studium der Lebensmittel- und Biotechnologie an der BOKU. Allerdings merkte ich sehr rasch, dass der Job einen unheimlich viel lehrt, über sich und andere, aber auch wie jeder einzelne die Welt für sich unterschiedlich wahrnimmt. Das hat mir immer sehr gut gefallen. Die berufliche Erfahrung hat meine Sicht von Behinderung wesentlich verändert, da ich gemerkt habe, wie selbständig und selbstbestimmt, diese Menschen ihr Leben meistern. Auch wenn sie oft an ihre Grenzen stoßen, kämpfen sie jeden Tag darum. Auch ich habe früher immer wieder, wenn mir jemand “deppert” vorgekommen ist, gesagt: “Du bist ja behindert”. Als ich dann anfing für Menschen mit Assistenzbedarf zu arbeiten, habe ich gemerkt, dass diese Menschen Barrierefreiheit sehr schwer einfordern können aber dies dennoch tun. Sie vernetzen sich und bilden eigene Vereine, die sie selbstbestimmt führen und leiten. Das hat mich dazu gebracht, meinen Sprachgebrauch wesentlich zu verändern. Ich weise nun auch andere daraufhin, wenn mir etwas auffällt oder zum Beispiel diskriminierend vorkommt, anhand des Sprachgebrauchs meines Gegenübers. Manchen Menschen rutscht das “du bist behindert” ja oft einfach so raus, ohne dass sie damit Menschen mit Behinderung diskriminieren wollen. Allerdings kann man sich durch das “Bewusstmachen”, seinen Sprachgebrauch wesentlich verändern.

Marie Richlik

4 thoughts on “Reflexion „Behinderung“

    1. Marie Richlik says:

      Endlich geschafft! Like Buttons – Sharing Buttons – und Anmeldeformular (mail adresse) für 0816 jetzt auf der homepage!

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