Schwierige Landschaft

Jeremias Altmann arbeitet derzeit an seiner Serie “Young Prophecies” in der Ankerbrotfabrik im Atelier Bildraum. Er interpretiert Kinderzeichnungen neu und lädt sie mit Raum und Brutalität auf. Wir haben den Künstler im Atelier in Favoriten besucht und ihn zu seinen aktuellen Arbeiten befragt. Dabei sind ganz abstruse Interpretationen seiner Werke herausgekommen: vom Weihnachten der Zukunft über die Keyboardkrabbenrakete bis hin zu Kurz und der WkStA.

Hannah: Jeremias, was findest du echt org?

Jeremias: So Einvernahmen wie diese, da fühl’ ich mich massiv unter Druck gesetzt.

Hannah: Wie ist es dazu gekommen, dass du hier in der Ankerbrotfabrik malst. Kannst du uns darüber biss’l was erzählen?

Jeremias: Von der Institution Bildrecht, die mehrere Ausstellungsräume betreiben, habe ich das Angebot bekommen, hier von Mitte Dezember bis Mitte Jänner diese Räumlichkeiten in der Ankerbrotfabrik zu nutzen. Da ich bei mir im Atelier einen beengten Arbeitsraum zur Verfügung habe, war mir das Angebot sehr sympathisch. Vor allem in der Hoffnung, dass ich hier größerformatige Leinwände malen kann als bei mir im Atelier. Deshalb bin ich dann am 15. Dezember hier eingezogen und jetzt quasi bei der Halbzeit. Ich merke, was das für einen Unterschied macht, wenn man auf einmal nicht die ganze Zeit Sachen herumräumt und sich nicht selber im Weg ist beim Tun. Das ist gerade eine riesen Erleichterung. Das genieße ich sehr. 

Marie: Wer nutzt dieses Atelier, wenn du nicht darin arbeitest? 

Jeremias: Der Raum ist hier normalerweise für sechs Monate ausgeschrieben, jetzt ist es aber eine sehr improvisierte Zwischenlösung. Am Ende der sechs Monate präsentiert ein*e Künstler*in, die hier sechs Monate gelebt hat, ihre Bilder. Vor allem wegen dem Lockdown mussten hier die internationalen Künstler*innen kurzfristig absagen. 

Diese Schlafnische, die es hier gibt, da wird dann das Bett weggeschoben und die Wand geschlossen, die Tür auch, und dann ist das hier ein voll funktionstüchtiger Gallerieraum. Ich hab’ hier jetzt schon ein paar Mal richtig tolle Ausstellungen gesehen. Da entstehen jedes Mal frische Arbeiten, die auch mit dem Raum sehr in Verbindung stehen. 

Hannah: Könntest du uns dieses Bild hier beschreiben? Welchen Titel hat es?

Jeremias: Es hat bis jetzt nur einen Arbeitstitel, weil alle Arbeiten, die ihr heute hier seht, noch nicht komplett abgeschlossen sind. Alle sind nur in einem Zwischenstand. Aber gleichzeitig glaube ich, dass man bei allen auch schon die Grundatmosphäre sehr gut ablesen kann. Dieses Bild hier hat den Arbeitstitel “Difficult Environment”. Es ist eine Landschaftsszene mit einem ziemlich knallroten Himmel und einer sehr hügeligen, dunklen Horizontsilhouette. Und dann sieht man hier viele Figuren im Vordergrund, die mit einem düsteren Licht angestrahlt sind. Alle stammen aus Kinderzeichnungen, die ich selber mit drei oder vier Jahren gezeichnet habe. 

Jeremias Altmann im Atelier Bildraum in der Ankerbrotfabrik

Hannah: Wie kommt es, dass du deine Kinderzeichnungen wieder ausgräbst?

Jeremias: Diese Serie, an der ich gerade arbeite, heißt “Young Prophecies”. Damit habe ich 2009 angefangen, nachdem ich einen Stapel meiner eigenen Kinderzeichnungen zufällig in die Hände gedrückt bekommen habe. Der ist hinter eine Kommode gerutscht und konnte damit nicht aussortiert werden. Diese Zeichnungen versuche ich seitdem auf unterschiedliche Art und Weise neu zu interpretieren. Es gibt Malereien, Druckgrafiken, es gibt Zeichnungen, es gibt Kurzfilme, 3D-Objekte. Was ich versuche, bei dieser Serie zu tun, ist, dass ich zum einen sehe, dass es Eigenschaften der Kinderzeichnungen gibt, die ich extrem bewundere, aber von denen ich denke, ich weiß, dass ich das nicht mehr nachahmen kann. Diese Expressivität und diese Brutalität vielleicht auch, die nur dann zustande kommen kann, wenn das Kind gar nicht weiß, was es heißt, eine Zeichnung zu machen. Das kann man als Erwachsener glaub ich, nur auf eine sehr unbefriedigende Art nachahmen. Was ich aber stattdessen machen kann, ich kann diese Motive, die es schon seit damals gibt, in neue Qualitäten bringen. 

Diese Expressivität und diese Brutalität, die nur dann zustande kommen kann, wenn das Kind gar nicht weiß, was es heißt, eine Zeichnung zu machen.

Jeremias Altmann

Wie es zum Beispiel in diesem Bild passiert, es sehr verräumlichen, und denen auch so biss’l eine Physik zuspreche. Es bekommt alles ein Gewicht, einen Körper.

Marie: Und durch diese Kritzeleien hat es wieder so etwas Kindliches? 

Jeremias: Ja, genau. Der Versuch ist auch, irgendetwas von diesem ungestümen Strich hervorzuholen.

Marie: Die sieht aus wie ein Maschinenengel hier, diese Figur.

Jeremias: Ich hab’s bisher immer als eine Krabbenkeyboardrakete interpretiert. Ich glaube, alles ist erlaubt. 

Marie: Vielleicht, weil jetzt Dezember ist, mein Geist ist noch weihnachtlich.

Jeremias: Ja, gut dass du das sagst, diese Zeichnung hier hat etwas von einer Krippensequenz. Hier sieht man die Sternschnuppe und da die brennende Krippe. Aber ich will auf keinen Fall eine finale Interpretation. Ich mache mir während dem Arbeiten natürlich meine Gedanken, was das für Figuren sein könnten und was die für Bedeutungen haben. In jedem Bild, in dem die vorkommen, bekommen die eine bestimmte Aufladung von mir. Aber die ist nicht verbindlich, das heißt, zum einen hat man als Betrachter glaub ich genauso viel Recht und Möglichkeiten zu verstehen, was da drinnen steckt. Mitunter ja auch, weil ich keine Ahnung hab’, was die Figuren bedeuten.

Marie: Das könnte echt das Weihnachten der Zukunft sein. Der Weihnachtsengel und die Figur da ganz alleine hinten.

Jeremias: Was für eine Zukunft. Die Figur da hinten hat bisher den Arbeitstitel “Der Eremit”. Ich verwende die Figuren nicht nur einmal. Sondern in dem Augenblick, wo so eine Figur öfter vorkommt, kommts mir so vor, als ob ich da ein bissl mehr darüber erfahre über diesen Charakter. Die dürfen in unterschiedlichen Zusammenhängen auftauchen. Die Figuren bekommen aber keine expliziten Namen. Ich finde, es ist die Aufgabe der Betrachter, sofern sie sich mit dem Bild auseinandersetzen wollen, sich ihren eigenen Reim drauf zu machen und vielleicht persönlichere Beziehungen zu diesen schwierigen Gestalten aufzubauen.

Hannah: Wieso hast du hier die Farbe rot gewählt?

Marie: Es wird halt irgendwie was brennen, oder? Oder wie hat der in “Herr der Ringe” gesagt der Legolas “eine rote Sonne ist aufgegangen, letzte Nacht ist Blut vergossen worden”.

Jeremias: Also hier ist letzte Nacht auf jeden Fall viel Farbe vergossen worden.

Marie: Der Krieg im Kinderzimmer.

Jeremias: Ja, also “Difficult Environment” ist vielleicht eh genau so zu lesen. Ich hab’ gewusst, dass da mitunter diese knallig roten Figuren mitauftauchen und hab‘ befürchtet, dass die sonst viel zu org aus dem Bild herausfallen, wenn die nicht auch bisschen in der gesamten Farbharmonie verankert sind. Gleichzeitig habe ich gewusst, dass das so eine Nachtszene werden wird. Da hab’ ich den Eindruck gehabt, wenn man ein unnötig musikalisches Wort verwenden möchte, dass der Farbakkord harmonisch ist. Da hatte ich das Gefühl, der Hauptton ist da halt dieses rot. Und ich wollte dass diese Keyboardkrabbenrakete oben ganz kalt ist und unten ganz heiß. 

Marie: Ja, das sieht aus, als wäre das da unten der Düsenantrieb.

Jeremias: Ja, ich glaube, beim Abheben setzt sie auch bisschen etwas von der Landschaft in Brand. 

Hannah: Wie sieht dein zweites Bild aus, um was geht es da?

Jeremias: Das ist eine leichtere und luftigere Untertagsszene. Vielleicht sieht man so etwas wie ein Baumhaus im Vordergrund und so eine komische Hügelwohnung. Im Hintergrund gibt’s so eine sehr neblige Wolkenlandschaft, bei dem flugdrachenähnliche Figuren vorbeiziehen. Es gibt im Vordergrund ein Truthahnpaar und ein Schildkrötenkrokodil. Die sind mir noch ganz fremd, mit denen muss ich mich noch anfreunden. Links oben schwebt noch eine merkwürdig lilane Figur, die jetzt auch schon von Besucher*innen ganz unterschiedlich interpretiert worden ist. Ich sehe da irgendwie eine sehr problematische Gestalt mit abstehenden Ohren. 

Jeremias Altmann – aus der Serie „Young Prophecies“

Marie: Der Kurz. Das war die Vorahnung. Der fliegt gerade ins Silicon Valley. Und hinter ihm die Wirtschaftskorruptionsstaatsanwaltschaft. 

Jeremias: Vielleicht. Vielleicht hab ich da schon politische Vorahnungen gehabt. Ich hab’ schon damals als dreijähriger für’s Jahr 2021 vorgedacht. 

Hannah: Wie gehst du beim Malen vor? An wie vielen Leinwänden arbeitest du gerade?

Jeremias: Insgesamt male ich gerade an 14 Leinwänden parallel. Ich lass mir gerade total den Luxus gefallen, dass es gerade möglich ist, von einer Leinwand zur nächsten zu schwirren. Ich male an einer so lange, wie ich es aushalte. Auf allen diesen Leinwänden passiert noch etwas. Und in dem Augenblick, wo ich das Gefühl habe, so jetzt hab’ ich mal genug von der Szene, dann schwirre ich weiter. 

Hannah: Weißt du noch, was du dabei als Kind gedacht hast, als du die Zeichnungen gemalt hast?

Jeremias: Absolut keine Ahnung. Das ist auch die ganze Magie. Hätte ich da Vorstellungen, hätte ich nicht diese Lust beim Malen und entdecken, weil mir eh klar wäre, um was es dabei geht. In dem Fall ist es ein ständiges psychedelisches Erahnen. Psychedelisch im Sinne von, als ob man so zu sich kommt.

Hannah: Schwingt da bereits dein Interesse für Maschinen mit?

Jeremias: Ich weiß, dass ich mich schon als Kind sehr für Maschinen interessiert habe. Ich glaube, ich bin hier aber mehr auf der Suche nach Monstern aus dem Unbewussten. Es ist vielleicht bisschen pathetisch oder aufgesetzt, aber man kann sagen, das sind innere Kindheitsdämonen, die da ans Tageslicht kommen und immer größer und raumgreifender werden. Vielleicht werden die aber auch dadurch entschärft, dass man sie auf Leinwände bannt. 

Hier bin ich so unabgelenkt, auch die Ankerbrotfabrik ist so abgelegen, es gibt teilweise Zeiten, wo ich zwei Tage nur vor mich hinpinsele und dabei sehr tief ins Überlegen hineinkomme. Und in diesen Prozessen mache ich teilweise Schubladen auf, mit denen ich schon lange nicht mehr in Berührung gestanden bin.  

Hannah: Wie sieht dein Tagesablauf hier im Atelier aus?

Jeremias: Schlafen gehen ist ein Problem. Weil ich hier wirklich wenig Verpflichtungen habe und es kaum Anlässe gibt, unbedingt jetzt oder in 15 Minuten schlafen zu gehen. Das zieht sich meistens bis in die frühen Morgenstunden. Dann stelle ich mir irgendeinen Wecker, der sechs oder sieben Stunden später läutet. Und dann geht’s weiter. Dazwischen nutze ich die Möglichkeit, hier im Umfeld den zehnten Bezirk zu erkunden, in dem ich wenig Zeit verbracht habe, außer Gemeindebauwandmalereiaufträge in der Vergangenheit. Das war aber sehr an einen Ort gebündelt. Jetzt mache ich so Streifzüge und erkunde das ganze Gebiet. Zum Beispiel schon Teile vom Laaer Berg und vom Böhmischen Prater, die sind schon mit auf die Landkarte geraten, die vorher nicht drauf waren. 

Jetzt mache ich so Streifzüge und erkunde das ganze Gebiet. Zum Beispiel schon Teile vom Laaer Berg und vom Böhmischen Prater, die sind schon mit auf die Landkarte geraten, die vorher nicht drauf waren. 

Jeremias Altmann über seine Erkundungstouren im 10. Wiener Gemeindebezirk

Hannah: Was sind deine Projekte für das Jahr 2022?

Jeremias: Das hat mich dieses Jahr schon sehr gequält. Es gab viele sehr schöne Aufträge, die kurzfristig abgesagt wurden. Ich wäre gerne schon vor zwei Jahren auf eine Residency nach Schottland gefahren. Jetzt haben wir das zwei Jahre in Folge ausfallen lassen. Das ist jetzt am Plan für den Sommer 2022. Das liegt ganz abgelegen, in einem Haus an der Küste mit Klippen. Das stell’ ich mir total toll vor.

Hannah: Was hat sich deiner Meinung nach aufgrund der Coronakrise in der Kunstszene verändert? 

Jeremias: Ich find’ es echt spannend, welche Formate durch die Coronakrise in den letzten zwei Jahren entstanden sind. Ich find auch toll, dass Museen sehr daran arbeiten, eine stärkere digitale Öffnung stattfinden zu lassen. Und damit wird auch sehr vieles niederschwelliger, was vorher nur für einen sehr elitären Kreis gedacht war. Gleichzeitig merke ich, und da fühle ich mich wie ein Dinosaurier in der falschen Zeit, bin ich so davon überzeugt, dass nichts das Original ersetzen kann. Es entstehen ja gerade so viele digitale Kunstwerke, die von vornherein digital gedacht sind. 

Marie: Zum Beispiel mit den Bitcoins, die NFT-Art.

Jeremias: Genau, das ist eine ganz neue Welle, auch eine ernstzunehmende Sparte, aber die muss man füllen. Ich glaube, es bleibt eine spannende Entwicklung.

Hannah: Du hast ein Buch für 2023 geplant, um was geht es da?

Jeremias: Es ist ein Versuch, meine Kinderzeichnungen und die Serie Machines, die zumindest rein formal sehr wenig miteinander zu tun haben, in eine Beziehung miteinander zu bringen. Da gibt’s eigene Texte und Texte von extern beauftragen Autor*innen und ganz viele Bilder.

Ich nehme einen nachgefühlten Kampf mit, sich mit einem Motiv wirklich abzuarbeiten.

Jeremias Altmann

Hannah: Was nimmst du bei Kunstwerken mit? Was beeindruckt dich?

Jeremias: Ich nehme einen nachgefühlten Kampf mit, sich mit einem Motiv wirklich abzuarbeiten. Einmal hatte ich die Möglichkeit mir die Radierungsserie von Giovanni Battista Piranesi, einem italienischen Druckgrafiker, in London anzusehen. Da haben sie mir so eine Ledermappe hingelegt und ich konnte Blatt für Blatt durchblättern. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich nur Reproduktionen gekannt, die mich auch schon extrem begeistert haben. Beim Ansehen der originalen Drucke war dieses “um’s Motiv ringen” so spürbar. Das macht eine ganz intime Beziehung zu dem, der dieses Bild erstellt hat. Vollkommen egal wo und wann. Ich finde, das macht die Magie aus. Das sich jemand 1750 auf einer Kupferplatte austoben kann. Und 2018 sitzt ein anderer vor einem Abzug der Platte und bekommt Gänsehaut und fühlt sich dem Urheber so verbunden. Diese direkte Kommunikation, die vollkommen skurril durch die Zeit passieren kann. Das finde ich bemerkenswert.

Über

Jeremias Altmann, 32, ist bildender Künstler, Graffitikünstler und Druckgrafiker. Seine aktuelle Arbeit befasst sich mit der Serie “Young Prophecies” in der Ankerbrotfabrik. Seine Werke und den Künstler könnt ihr noch bis 15. Januar 2022 im Atelier in Favoriten besuchen. Jeremias malt und lebt in Wien.


Mehr über Jeremias und seine Werke findest du hier:

www.jeremiasaltmann.net

Das Interview führten Marie und Hannah Richlik

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